Die moderne Wundversorgung steht an einem Wendepunkt. Steigende Patientenzahlen, komplexere Wundbilder und zunehmender Ressourcenmangel zwingen die Gesundheitssysteme weltweit dazu, ihre Strategien zu überdenken. Das Thema des EWMA-DEWU-Kongresses 2026 – „Rebooting versus Rethinking – Wound Care in a Changing World“ brachte diese Herausforderung prägnant auf den Punkt: Wann genügt es, Bewährtes zu optimieren, wann braucht es ein grundlegendes Umdenken?
„Rebooting“ bedeutet in der Wundversorgung vor allem, evidenzbasierte Maßnahmen konsequent umzusetzen und bestehende Prozesse effizienter zu gestalten. Dazu gehört insbesondere das strukturierte Débridement als zentraler Bestandteil der Therapie chronischer Wunden. Hier hat sich die medizinische Larventherapie („Biochirurgie“) seit Jahrzehnten als wirksames Verfahren etabliert. Die Anwendung steriler Larven der Goldfliege Lucilia sericata ermöglicht eine sehr schonende und effektive Wundreinigung, bei der nekrotisches Gewebe entfernt, die Keimbelastung verringert und Heilungsprozesse durch die Stimulation der Granulation gefördert wird. Zahlreiche Studien belegen den antimikrobiellen Effekt der Larvenenzyme. In diesem Sinne steht die Larventherapie exemplarisch für „Rebooting“: Sie ist kein neues Verfahren, aber ein evidenzbasiertes, das aktuell zunehmend konsequenter ausgeschöpft wird. Denn auch dem Ressourcenmangel wird begegnet – die Larventherapie ist vergleichsweise kostengünstig, da sie kaum Arbeitszeit bindet und wenig begleitende Materialien benötigt. Sie schont die Ressourcen der Klinik und entlastet OP-Kapazitäten.
Gleichzeitig forderte das Kongressmotto der EWMA 2026 ein „Rethinking“ – ein kritisches Hinterfragen bestehender Versorgungsmodelle. Gerade hier bietet die Larventherapie spannende Ansatzpunkte. Denn sie steht sinnbildlich für ein Umdenken in mehrfacher Hinsicht: weg von rein technischen Lösungen hin zu biologisch inspirierenden Therapieansätzen; weg von maximalinvasiven Verfahren (z.B. chirurgisches Débridement) hin zu selektiven, gewebeschonenden Methoden; und nicht zuletzt weg von isolierten Maßnahmen hin zu integrativen Therapiekonzepten (z.B. Kombination aus Vakuumtherapie / VAC und Larventherapie). Bei einer solchen, gezielten therapeutischen Strategie wird dem dynamischen Prozess der Wundheilung Rechnung getragen – man „integriert“ das jeweils beste Werkzeug für die aktuelle Phase einer Wunde, z.B. Biofilm-Management mit physikalischer Stimulation und Exsudatmanagement. Die zunehmende Problematik antibiotikaresistenter Keime verleiht der Larventherapie zusätzliche Relevanz.
Die Larventherapie vereint also beide Pole des Kongressthemas: Sie ist gleichzeitig ein „Reboot“ und ein „Rethink“. Historisch handelt es sich um ein altes, bewährtes Verfahren – in der modernen Medizin wird es unter streng kontrollierten Bedingungen eingesetzt und kontinuierlich wissenschaftlich weiterentwickelt. Damit verkörpert sie ein Prinzip, das für die Zukunft der Wundversorgung entscheidend sein könnte. Innovation muss nicht immer völlig neu sein – manchmal liegt sie in der Wiederentdeckung und Weiterentwicklung bewährter Methoden.