Chronische Wunden stellen für Patientinnen und Patienten ebenso wie für medizinisches Fachpersonal eine große Herausforderung dar. Trotz moderner Wundtherapie, sorgfältiger Versorgung und geeigneter Verbandsmaterialien kommt es häufig zu stagnierenden Heilungsverläufen. Eine wichtige Ursache dafür bleibt im klinischen Alltag jedoch oft unsichtbar: bakterielle Biofilme.
Studien zeigen, dass Biofilme in einem großen Teil chronischer Wunden nachweisbar sind – Schätzungen gehen davon aus, dass sie in bis zu 60 – 90 % dieser Wunden vorkommen1. Dennoch werden sie im Alltag häufig unterschätzt, da sie sich nicht immer eindeutig erkennen lassen. Gerade diese Unsichtbarkeit macht Biofilme zu einem besonders hartnäckigen Gegner der Wundheilung.
Was genau ist ein Biofilm?
Ein Biofilm ist eine strukturierte Gemeinschaft von Mikroorganismen, die sich auf einer Oberfläche ansiedeln und von einer selbst produzierten extrazellulären Matrix umgeben sind. Diese schleimartige Schutzschicht besteht aus verschiedenen Polymeren, etwa Polysacchariden, Proteinen und DNA.2
Innerhalb dieser Matrix organisieren sich die Bakterien zu komplexen mikrobiellen Gemeinschaften. Sie kommunizieren miteinander, tauschen genetische Informationen aus und passen ihren Stoffwechsel an die jeweiligen Umweltbedingungen an. Dadurch unterscheiden sich Biofilme grundlegend von frei lebenden Bakterien. Für Mikroorganismen bietet diese Lebensform entscheidende Vorteile: Sie sind besser vor äußeren Einflüssen geschützt und können auch unter ungünstigen Bedingungen überleben.
Warum behindern Biofilme die Wundheilung?
In einer chronischen Wunde können Biofilme mehrere negative Effekte verursachen. Zum einen schützen sie die darin eingebetteten Bakterien vor dem Immunsystem des Körpers.3 Immunzellen haben Schwierigkeiten, die Keime zu erreichen oder effektiv zu eliminieren. Zum anderen erschwert die schützende Matrix das Eindringen antimikrobieller Substanzen. Antibiotika oder antiseptische Wirkstoffe können häufig nur eingeschränkt in den Biofilm eindringen. Zudem befinden sich viele Bakterien innerhalb eines Biofilms in einem reduzierten Stoffwechselzustand, wodurch sie weniger empfindlich gegenüber bestimmten Medikamenten sind.
Die Folge ist ein persistierender Entzündungszustand in der Wunde.4 Entzündungsmediatoren und proteolytische Enzyme bleiben dauerhaft erhöht, während wachstumsfördernde Faktoren reduziert werden. Dadurch kann die Wunde nicht in die nächste Phase der Heilung übergehen – sie verbleibt in einem chronischen Entzündungszustand.
Warum sind Biofilme schwer zu erkennen?
Ein besonderes Problem bei Biofilmen ist ihre oft fehlende Sichtbarkeit. Im Gegensatz zu klassischen Infektionen zeigen sich nicht immer eindeutige klinische Symptome. Dennoch gibt es einige Hinweise, die auf das Vorhandensein eines Biofilms hindeuten können:
• Stagnierende oder sehr langsame Wundheilung trotz adäquater Therapie
• Wiederkehrende Infektionszeichen
• rasche Neubildung von Belägen nach Reinigung oder Débridement
• vermehrte Exsudation und chronische Entzündung
In vielen Fällen kann ein Biofilm nur durch spezielle mikrobiologische oder mikroskopische Verfahren sicher nachgewiesen werden. In der klinischen Praxis erfolgt die Einschätzung daher häufig indirekt anhand des Heilungsverlaufs und typischer Verdachtszeichen.
Biofilm-Management als Schlüssel der modernen Wundtherapie
Aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften lassen sich Biofilme meist nicht allein durch antimikrobielle Medikamente beseitigen. Deshalb spielt das sogenannte Biofilm-Management eine zentrale Rolle in der modernen Wundversorgung. Ein zentraler Bestandteil dieses Konzepts ist das regelmäßige Débridement, also die Entfernung von Belägen, nekrotischem Gewebe und mikrobiellen Strukturen aus der Wunde. Dadurch wird die Biofilmstruktur aufgebrochen und die bakterielle Belastung reduziert. Gleichzeitig können antimikrobielle Maßnahmen danach deutlich besser wirken. Neben chirurgischem, mechanischem oder enzymatischem Débridement kann auch das biochirurgische Débridement eine wichtige Rolle spielen.
Medizinische Larven als Teil des Biofilm-Managements
Bei der medizinischen Larventherapie werden sterile Larven der Schmeißfliege Lucilia sericata eingesetzt, um nekrotisches Gewebe und Beläge selektiv zu entfernen. Dabei geben die Larven Verdauungsenzyme in die Wunde ab, die abgestorbenes Gewebe verflüssigen und mikrobielles Material auflösen. Studien zeigen, dass diese Prozesse auch dazu beitragen können, Biofilmstrukturen aufzubrechen und zu reduzieren.5 Gleichzeitig reinigen die Larven das Wundbett und schaffen so bessere Voraussetzungen für nachfolgende therapeutische Maßnahmen.
Die Larventherapie ist damit ein Beispiel für ein biologisches Verfahren, das im Rahmen eines strukturierten Biofilm-Managements eingesetzt werden kann.
Quellen:
1 M. Malone, T. Bjarnsholt, A.J. McBain et al.: The prevalence of biofilms in chronic wounds: a systematic review and meta-analysis. Journal of Wound Care. 2017.
2 H.C. Flemming, J. Wingender: The biofilm matrix. Nature Reviews Microbiology. 2010.
3 T. Bjarnsholt: The role of bacterial biofilms in chronic infections. APMIS Supplementum. 2013.
4 S.L. Percival, K.E. Hill, D.W. Williams et al.: Biofilms and wounds: an overview of the evidence. Advances in Wound Care. 2012.
5 M.J. van der Plas et al.: Maggot excretions/secretions are differentially effective against biofilms of Staphylococcus aureus and Pseudomonas aeruginosa. Journal of Antimicrobial Chemotherapy. 2008.